Demographischer Wandel oder Schwindel?

Einführung

Seit einigen Jahren geht in Europa ein neues Gespenst um: Die Alterung der Gesellschaft (Castles, 2004: 117 ff.). Die Bevölkerung drohe zu ‚überaltern‘ und zu schrumpfen, weil dank des ökonomischen und sozialen Fortschritts die Lebenserwartung steige, die Geburtenraten sinken oder zu niedrig seien und auch Einwanderungen diesen als besorgniserregend oder ‚dekadent‘ erlebten Prozess nicht aufhalten könnten. Daraus werden politische ‚Reformnotwendigkeiten‘ abgeleitet, d.h. sozialpolitische Kürzungen und Zumutungen v.a. bei den Renten, weil diese zukünftig aufgrund Alterung ‚schlicht nicht mehr finanzierbar‘, ‚Reformen‘ also unvermeidbar und ‚alternativlos‘ seien.

Bei den demographischen Szenarien ist indes Skepsis angebracht, zumal diese theoriearm und nur scheinbar politisch neutral bleiben. Zunächst wird die Alterung isoliert betrachtet, z.B. unabhängig von ökonomischen Verteilungsfragen zwischen Kapital/Arbeit, Reich/Arm und einseitig negativ interpretiert. So wird die Entlastung bei der Sorge für weniger zahlreiche Kinder und Jugendliche meist ebenso ausgeblendet wie soziale und ökologische Fragen des enormen globalen Bevölkerungswachstums (http://www.un.org/esa/population/unpop.htm). Dabei haben gering entwickelte Länder des Südens meist viel höhere demographische ‚Gesamtbelastungen‘ als Deutschland, dort kommt meist auf eine Person im erwerbsfähigen Alter ca. eine jüngere oder ältere zu unterstützende Person. Zudem verbrauchen gerade die sich um ihren Schwund so sorgenden Wohlfahrtsstaaten wie Deutschland extrem viele Ressourcen, so dass aus ökologischen Gründen eine Schrumpfung der Bevölkerung an sich zu begrüßen wäre.

Darüber hinaus sind die demographischen Szenarien aber auch insofern fragwürdig, als die als ‚unausweichlich’ behaupteten Projektionen unsicher und sozial wie politisch bestimmt und gestaltbar sind. Z.B. wären demographische Prognosen, die vor hundert Jahren (1911) angestellt worden wären, schon durch den 1. Weltkrieg konterkariert worden, ähnliches hätte Prognosen für die BRD der 1980er Jahre ereilt, weil die deutsche Wiedervereinigung kaum vorhersehbar war. Politische Umbrüche oder Kriege sind aber für die Zukunft nicht auszuschließen, weshalb nach dem Sinn oder Unsinn demographischer Szenarien zu fragen ist, die sehr weit in die Zukunft reichen. Dieses gilt insbesondere angesichts global zunehmender Wanderungen, wobei universelle soziale Rechte und Freizügigkeit auf der politischen Agenda der sich bildenden Weltgesellschaft stehen. Die Konstruktion demographischer Trends und sozialpolitischer Konsequenzen muss somit als Teil eines umkämpften sozialen und politischen Feldes rekonstruiert werden, denn mit der demographisch begründeten Behauptung der Notwendigkeit sozialpolitischer Einschnitte oder der Forderung der Reprivatisierung sozialer Lasten werden insbesondere die Konflikte zwischen Kapital und Arbeit sowie Arm und Reich re-formiert und demographisch umgedeutet (Barlösius 2007).

Demographische Szenarien: Lebenserwartung, Geburtenraten und Migration

In den offiziösen demographischen Projektionen wird zunächst eine weiterhin recht kontinuierlich steigende Lebenserwartung angenommen. In Europa stieg im 20. Jahrhundert die Lebenserwartung bei Geburt pro Dekade um ca. 2,5 Jahre, sie lag 2004 in den 27 Staaten der EU bei ca. 75,2 Jahre für Männer und 81,5 für Frauen, wobei jüngst v.a. Erfolge bei der Behandlung von Krankheiten der Atemwege, Herz-Kreislauf und Krebs ursächlich waren (European Commission, 2008: 35 f.). Etwas schwächer stieg nach der WHO die Lebenserwartung älterer Menschen, die in Europa im Jahr 1970 für 65-jährige noch ca. 15 Jahre und ca. 2008 ca. 20 Jahre betrug (WHO, European HFA Database, 2009, http://www.euro.who.int/hfadb ). Die Projektionen der Europäischen Union und der UN schreiben den Anstieg der Lebenserwartung mit abnehmendem Tempo fort, wobei in Europa die Lebenserwartung bei Geburt für Frauen bis 2060 auf ca. 89 Jahre (plus 7) und 85,5 Jahre (plus 9) für Männer steigen soll (European Commission, 2008), ohne dieses zu begründen und ohne eventuelle Risiken neuer Krankheiten, Pandemien oder Kriege und wirtschaftliche Einbrüche zu erwägen.

Eine noch größere Unsicherheit besteht bei Prognosen der Geburtenraten: Diese nehmen für Europa nehmen kühn einen Mittelwert von 1,7 bis zum Jahr 2060 an, obwohl z.B. die Fertilität in Ländern wie Frankreich, Großbritannien oder Schweden jüngst wieder anstieg (Abbildung).

Geburtenraten in der EU (1960–2006); Quelle: Europäische Kommission

Diese Länder könnten als familienpolitische Vorreiter aber wegweisend für Europa sein, so dass die Fertilität auch in Deutschland wieder steigen könnte (zumal offizielle Daten die Geburtenraten aufgrund der Verschiebung des Gebäralters unterschätzten) (European Commission, 2008). Als Hintergrund des Gebärverhaltens ist zunächst zu beobachten, dass im Übergang zu Industrie- und Wohlfahrtsstaaten erst stark und in der Folge langsamer sinkende Geburtenraten auftraten, wobei oft ein ‚säkularer Trend’ des ‚demographischen Übergangs’ postuliert wird – in einem implizit funktionalistisch-ökonomischen Modell, wenn als Reaktion auf sinkende Sterberaten (durch bessere Lebensverhältnisse, Ernährung, Hygiene und medizinische Versorgung) ein Sinken der Geburtenraten angenommen wird, aufgrund der Orientierung an der Art- und Familienreproduktion und dem Gleichgewicht von Geburten- und Sterberaten (mit einer Reproduktionsrate von ca. 2,1) (Münz/Ulrich, 2001). Betont wird auch die abnehmende ökonomische Funktion von Kindern in modernen Industrie- und Wohlfahrtsstaaten, was generell für Familienbeziehungen gelte, weshalb hier emotionale Aspekte und Selbstverwirklichung in den Vordergrund rücken (Nave-Herz/Onnen-Isemann, 2001). Bei populären Deutungen steht auch die Erfindung bequemer Kontrazeptiva (‚Pille’) im Fokus, deren Einsatz aber von sozialen Normen und Werten abhängt. Dabei lässt sich auch konflikttheoretisch der Wandel von Familienbeziehungen durch  Kämpfe um Selbstbestimmung und Emanzipation von Frauen und Kindern sowie Jugendlichen gegen die patriarchale Herrschaft interpretieren, mit zunehmenden Ehescheidungen und neuen Beziehungs- und Familienformen (Alleinleben, ‚Patchwork-Familien’ etc.). Dazu trug auch die wohlfahrtsstaatliche Förderung der Emanzipation von Frauen, Erwerbsarbeit und Bildung bei, der Ausbau professioneller Kinderbetreuung, Alterssicherung und einer staatlich garantierten sozialen Teilhabe unabhängig von Markt und Familie (d.h. männlichen Hausherrn) (‚De-Kommodifizierung’ und ‚De-Familialisierung’) (Esping-Andersen, 1990). Indes gibt es in Europa einen positiven Zusammenhang von Geburtenraten und dem Angebot an Kinderbetreuung und auch die Arbeitsmarktintegration von Frauen korreliert positiv mit der Fertilität; ebenso geht eine größere Gleichheit der Geschlechter mit höheren Geburtenraten einher, während die Summe familienpolitischer Transfers (wo der konservative Fall Deutschland gut abschneidet), keinen Einfluss hat (Kröhnert/Klingholz, 2005); European Commission, 2008). 

Noch schwieriger zu bestimmen sind künftige Wanderungen, die politisch gesteuert werden können und sehr volatil sind (Abbildung).

Migration in die EU-27 (1961–2007); Quelle: Europäische Kommission

Zuletzt sind jährlich 1-2 Mio. Menschen mehr nach Europa ein- als ausgewandert, und zwar primär Jüngere. Die Daten sind aber ungenau, weil viele nicht offiziell registriert und formal legal einwandern. Die Hintergründe der Migration sind vielfältig, es wirken familiäre, humanitär-soziale, politische, kulturelle und ökonomische Aspekte sowie Interessen. Dabei lässt sich die Migration politisch nur teilweise steuern und kaum prognostizieren, schon gar nicht für sehr lange Zeiträume. So muss in Europa von einem hohen, steigenden Einwanderungsdruck ausgegangen werden, infolge sozialer und politischer Krisen in Ländern der näheren und ferneren Umgebung Europas und der Attraktivität der wohlhabenden Region (UNDP, 2005); hinzu kommt die Globalisierung mit wachsenden Wanderungen (global werden ca. 200 Mio. ‚Migrantinnen’ und ‚Migranten’ geschätzt, doppelt so viel wie noch 1980, so die Global Commission on International Migration, 2005). Der Einwanderung stehen die europäischen Gesellschaften ambivalent gegenüber, mit einerseits liberalen und solidarischen Haltungen und andererseits mehrheitlich ablehnenden, bis hin zu feindlichen Einstellungen (Sides / Citrin, 2007; Zick et al., 2008). Universelle soziale Rechte, Gleichheit und Freiheit stehen aber auf der Agenda der sich bildenden Weltgesellschaft, zumal globale soziale und politische Bewegungen entstehen. Allerdings gibt es eben auch nationalistische Gegenbewegungen in Europa, die auf eine restriktive Einwanderungspolitik drängen. Zwar rechnet die EU mit einer weiter starken Zuwanderung, aber von 1,7 Mio. (2008) auf nur noch ca. 800 Tsd. pro Jahr (2060) abnehmend (European Commission, 2008: 43). Dem liegt die Annahme der Annäherung und Konvergenz, d.h. einem ökonomischen Aufholen osteuropäischer Regionen zugrunde. Indes scheint fraglich, inwiefern dieses weiter gehen wird und ob ähnliche Entwicklungen auch für Afrika oder asiatische und südamerikanische Regionen eintreten werden. Insgesamt könnte die durch die EU-Kommission prognostizierte Nettozuwanderung nach Europa auch übertroffen werden und damit für jüngere Bevölkerungen sorgen.

Demographischer Wandel: Sozialpolitische ‚Be- und Entlastungen‘

Aus den genannten Parametern werden schließlich höchst verwegene, politisch aber hoch beachtete, ‚Szenarien‘ zur Entwicklung zur Zahl undStruktur der Bevölkerung konstruiert. Für Europa schwanken die Annahmen der EU-Kommission bis 2060 zwischen einer leichten Zunahme der Bevölkerung um 2%, im Fall weiterer Zuwanderung, oder einer Abnahme um 16% im unwahrscheinlichen Fall ohne Einwanderung. Entsprechend wird ein wachsender Seniorenanteil erwartet, der in den OECD-Ländern von im Mittel ca. 11 % (1980) auf ca. 15% (2005) angestiegen ist, wobei insbesondere Japan und die konservativen europäischen Wohlfahrtsstaaten wie Deutschland hohe Wachstumsraten aufweisen. Der Anteil Älterer an der Bevölkerung soll in Europa auf ca. 30% im Jahr 2060 steigen und auch der Altenquotient, der das Verhältnis der Zahl von Senioren im Alter von 65 Jahren und älter in Relation zur Zahl potentiell erwerbsfähiger Personen im Alter von ca. 15 (oder 20) bis 65 Jahren abbildet. Die Projektionen für die EU-27 gehen von einem Anstieg des Altenquotienten von 25 (2008) auf ca. 54 (2060) mit Zuwanderung und 62 ohne Zuwanderung aus (European Commission, 2008: 54). Allerdings sinkt auch die Zahl der gesellschaftlich zu unterstützenden Kinder (bis zum Alter von ca. 15 oder 20 Jahren) und der ‚Jugendquotient’ (Anzahl Jüngerer in Relation zur Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter), eine Entlastung, die oft nicht oder nur am Rande beachtet wird. Insgesamt soll der demographische Gesamtquotient potentiell Unterstützungsbedürftiger (Kinder und Ältere zur Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter von 15-64 Jahren) in Europa von knapp 50 auf ca. 78-86 steigen – mit oder ohne Zuwanderung. Dabei betrug jedoch die demographische ‚Gesamtbelastung‘ in Deutschland bereits im Jahr 1900 einmal ca. 100, es kam also auf jeden arbeitsfähigen Menschen ein Unterstützungsbedürftiger (auch in gering entwickelten Ländern des Südens sind die demographischen ‚Belastungen‘ ähnlich hoch, weil sehr viele Kinder unterstützt werden müssen); der Wert war auch in der BR-Deutschland der 1960er und 1970er Jahre mit ca. 80 viel höher als derzeit (ca. 65) und höher als für die Zukunft bis 2030 prognostiziert wird (Statistisches Bundesamt, 2006). Projektionen, die verwegen sogar bis 2060 sehen wollen, nennen dann erst einen Gesamtquotienten von 93-104, wobei der Altenquotient von 60-77 und der Jugendquotient von 27-35 variieren soll (Statistisches Bundesamt, 2009).

Rekonstruktion gesellschaftlich-politischer Konstruktionen

‚Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels‘, so ein Art Mantra sozialpolitischer Reformpolitik der letzten Jahre, seien Reformen, d.h. Einschnitte in sozialstaatliche Ausgaben und Leistungen ‚schlicht notwendig’, zur Sicherung der ‚Zukunftsfähigkeit‘ oder der‚Generationengerechtigkeit‘. Die dazu angestellten demographischen Szenarien oder Prognosen bleiben aber meist losgelöst von gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Zusammenhängen, sie suggerieren eine unausweichliche, objektive Mechanik, ähnlich anderen ‚Sachzwängen‘ wie der Globalisierung oder des technischen und ökonomischen Strukturwandels. Daraus werden politisch ‚alternativlose Entscheidungen‘ abgeleitet (was schon in sich unlogisch und paradox ist). Es ist für die Demographie und Sozialwissenschaft ein nicht unproblematisches Spiel, „bei dem die Mächtigen die Tendenz haben, die Wahrheit zu fingieren, und den Glaubensvorstellungen und den Sicht- und Teilungsprinzipien, die sie durchsetzen wollen, vor allem auf dem Gebiet der Ökonomie, den Anschein einer wissenschaftlichen Garantie, eines Stempels der Wahrheit zu geben, versuchen. Sie beteuern ständig, die Wissenschaft sei auf ihrer Seite, die Nobelpreise seien auf ihrer Seite, so wie man früher Kriege führte und rief ‚Gott ist mit uns’ (Bourdieu, 2001: 56). Dabei ist die Demographie eine für den modernen Staat besonders wichtige und in diesen stark eingebundene Disziplin, sie bildet nicht zufällig bis heute die Grundlage der amtlichen Statistik, wobei es aber um mehr geht als nur die scheinbar evidente, rein objektive Zählung der Bevölkerung und ihrer Reproduktion. Die Demographie fungiert als ein wesentlicher Teil staatlicher ‚Bio-Politik’ und ‚Bio-Macht’, die Kontrolle und die Mobilisierung der Bevölkerung in Abgrenzung zu konkurrierenden Gruppen von Fremden oder Ausländern war für den modernen Nationalstaat von Anbeginn an grundlegend (politisch, militärisch, ökonomisch und kulturell) (Foucault, 1999: 166 f.).

Auffällig an den demographischen Konstruktionen und Szenarien ist zunächst, dass die Alterung der Gesellschaft meist nur negativ wahrgenommen wird, als Überalterung, Schwund oder Aussterben der Bevölkerung, ja als dekadente Entwicklung und sozial- sowie finanzpolitische Überlastung, die ‚einfach nicht wettbewerbs- oder zukunftsfähig’ sei. Dabei wird der Altersaufbau der Bevölkerung graphisch selbstverständlich nach dem Bild (und Vorbild) einer „Pyramide“ dargestellt, dem Ideal einer jungen und wachsenden Bevölkerung, was als selbstverständlich, normal und wünschenswert gilt, das Bild der Struktur älterer Bevölkerungen gilt dagegen als ‚Wettertanne’ oder ‚Urne’, deren Untergang besiegelt scheint (Barlösius, 2007: 16-18). Dazwischen liegt das neutralere Bild einer ‚Glocke’ einer ‚stabilen’ oder ‚ausgeglichenen’ Bevölkerungsentwicklung, was noch akzeptabel scheint. Als implizite Grundlage dient offenbar noch immer die alte Malthussche These eines positiven Zusammenhangs zwischen Bevölkerungszahl und Wirtschaftswachstum, die trotz ihrer Widerlegung und der Marxschen Betonung von Produktionsverhältnissen und Produktivkräften sowie der Verteilungsfrage reanimiert wird (Barlösius, 2007: 29). Die Konstruktionen des demographischen Wandels basieren ferner auf mächtigen Naturalisierungen, die bei den scheinbar so evidenten biologischen Kategorien von Alter und Geschlecht zur Begründung sozialer Ordnungen und Herrschaftsverhältnisse dienen. Mit der Akzentuierung der ‚Überalterung‘ oder ‚Vergreisung‘ werden meist negative Altersstereotype angesprochen (Filipp/Mayer, 2005): So werden die mit dem steigenden Alter wachsenden körperlichen Funktionseinbußen überschätzt, Ältere gelten als weniger leistungsfähig, kreativ oder innovativ, anpassungs- und lernfähig, ein Topos bilden auch die griesgrämigen, geizigen, machtbesessenen und gierigen, lüsternen Alten, die nicht abtreten und der aufstrebenden Jugend Platz machen wollen (Niederfranke et al., 1999; Rosenmayr, 1999, Borscheid, 1992). Zwar kommen auch positive Konnotationen und Altersbilder vor und diese sind oft widersprüchlich (Kruse / Schmitt, 2005; Amrhein / Backes, 2007) und Altersklassen, Vorrechte oder Rollen fallen je nach sozialem Kontext oder Position sowie Geschlecht unterschiedlich aus und sind umkämpft (Bourdieu, 1993). Insgesamt dominieren negative Wahrnehmungen der Belastungen durch die Alterung der Gesellschaft, während Entlastungen, z.B. ökologischer Art und hinsichtlich des globalen Bevölkerungswachstums (oder durch eine geringe Kriminalität) unbeachtet bleiben. Jedoch muss bei der demographischen‚Gesamtbelastung’ die Entlastung durch die sinkende Zahl unterstützungsbedürftiger Kinder einbezogen werden. Dazu zeigt der Blick in die Vergangenheit und auf gering entwickelte Staaten mit sehr jungen Bevölkerungen, dass hier die demographischen Gesamtquotienten oft viel höher sind, oft nahe 100, d.h. dass auf jede potentiell arbeitsfähige Person eine unterstützungsbedürftige kommt.

Daran wird erneut deutlich, dass demographische Quoten für sich recht wenig aussagen hinsichtlich sozialpolitischer Lastenverteilungen, weil es hierbei vielmehr auf die Art und Weise der Produktionsverhältnisse, Produktivkräfte und die Verteilung der Wertschöpfung zwischen Kapital und Arbeit bzw. Reich und Arm ankommt. Dabei vernebelt die ‚neue‘ Verteilungsfrage zwischen ‚Jung‘ und ‚Alt‘ oder ‚Generationen‘ mehr als sie aufklärt, weil Jüngere wie Ältere eben reich oder arm sind, unterschiedliche Bildungsniveaus oder soziales Kapital haben usw. und weil Altersgruppen und Generationen nur willkürlich bestimmt und abgegrenzt werden können. Bei der Konstruktion des ‚Demographischen Wandels’ werden somit gesellschaftliche und politische Verhältnisse, Konflikte zwischen ‚Arm’ und ‚Reich’, Kapital und Arbeit, bzw. sozialen Klassen sowie Rechts gegen Links ‚re-formiert‘, es tritt eine ‚Demographisierung des Gesellschaftlichen‘ auf (Barlösius, 2007: 12).

Literatur:

Amrhein, Ludwig/Backes, Gertrud M. (2007): Alter(n)sbilder und Diskurse des Alter(n)s: Anmerkungen zum Stand der Forschung, Zeitschrift für Gerontologie + Geriatrie, Vol. 40, No. 2, 104-111.

Barlösius, Eva (2007): Die Demographisierung des Gesellschaftlichen: Zur Bedeutung der Repräsentationspraxis, In: Barlösius, Eva/Schiek, Daniela (Hg.), Demographisierung des Gesellschaftlichen: Analysen und Debatten zur demographischen Zukunft Deutschlands, Wiesbaden: VS (Verlag für Sozialwissenschaften), 9-34.

Bourdieu, Pierre (1993): ‚Jugend‘ ist nur ein Wort, In: ders. (Hg.), Soziologische Fragen, Frankfurt: Suhrkamp, 136-146.

Bourdieu, Pierre (2001): Das politische Feld: Zur Kritik der politischen Vernunft, UVK-Verl.-Ges, Konstanz.

Castles, Francis G (2004): The future of the welfare state: crisis myths and crisis realities, Oxford Univ. Press, Oxford [u.a.].

Esping-Andersen, Gosta (1990): The three Worlds of Welfare Capitalism, Princeton Univ. Press, Princeton.

European Commission (Hg.) (2008): Demography Report: Meeting social needs in an ageing society, SEC(2008) 2911 Office for Official Publ. of the European Communities, Luxembourg.

Filipp, Sigrun-Heide/Mayer, Anne-Kathrin (2005): Zur Bedeutung von Altersstereotypen, Aus Politik und Zeitgeschichte, 49/50, 25-31.

Foucault, Michel (1999): Der Wille zum Wissen (Sexualität und Wahrheit Bd. 1), Suhrkamp-Taschenbuch-Verl, Frankfurt am Main.

GCIM/(Global Commission on International Migration) (Hg.) (2005): Migration in an interconnected world: New directions for action GCIM, Geneva.

Kröhnert, Steffen/Klingholz, Reiner (2005): Emanzipation oder Kindergeld? Der europäische Vergleich lehrt, was man für höhere Geburtenraten tun kann, Sozialer Fortschritt, Vol. 54, No. 12, 280-290.

Münz, Rainer/Ulrich, Ralf (2001): Bevölkerung, In: Joas, Hans (Hg.), Lehrbuch der Soziologie, Frankfurt/M.: Campus, 477-503.

Nave-Herz, Rosemarie/Onnen-Isemann, Corinna (2001): Familie, In: Joas, Hans (Hg.), Lehrbuch der Soziologie, Frankfurt/M.: Campus, 289-310.

Sides, J/Citrin, J (2007): European opinion about immigration: the role of identities, interests and information, British Journal of Political Science, 37, 477-504.

Statistisches Bundesamt (Hg.) (2006): Bevölkerung Deutschlands bis 2050: 11. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung (Verf.: Eisenmenger, Matthias/Pötzsch, Olga/Sommer, Bettina) Statistisches Bundesamt, Wiesbaden (www.destatis.de).

Statistisches Bundesamt (Hg.) (2009): Bevölkerung Deutschlands bis 2060: 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung; Begleitmaterial zur Pressekonferenz am 18. November 2009 in Berlin (www.destatis.de) .

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UNDP (2005): Human Development Report 2005. International cooperation at a crossroads: aid, trade and security in an unequal world, UNDP (United Nations Development Programme), New York.

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